Fluch der Karibik-Kreuzfahrer

20. August 2009

Das Internet, dieser rechtsfreie Raum, ein Netz von Piraten? – Irrtum! Anfang des Monats wurde die ARD/ZDF-Online-Studie veröffentlicht. Spannend: inzwischen sind mehr Rentner im Netz als Teenager. Meuterei auf dem Traumschiff – erobern die Silver Surfer das Netz?


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Die neue ARD/ZDF Online-Studie erscheint auf dem ersten Blick wenig spektakulär: Zwei Drittel (67,1 Prozent) aller Deutschen sind online, nur ein geringer Zuwachs gegenüber dem Vorjahr (66,7 Prozent). Doch der Teufel steckt im Detail. Erstens: das Internet hat sich endgültig zur Multimedia-Plattform gemausert. Die Zugriffe auf Audio- oder Video-Material haben sich in den letzten Jahren verdreifacht. Die viel spannendere Entwicklung allerdings zeigt sich, wenn man auf die Altersgruppen schaut. Das Internet wird immer älter. Inzwischen sind schon mehr ältere Deutsche (60+) im Netz als Teenager. Was das für die klassischen Medien bedeutet und wie es von hier an weitergehen könnte, darüber haben mein BR-Kollege Marcus Schuler und ich mit Birgit van Eimeren gesprochen, die seit 12 Jahren die Online-Studie für die ARD durchführt.

Werden die Alten schon bald das Internet beherrschen und auch seine Inhalte bestimmen? Ja, sagt Birgit van Eimeren. Allerdings bedeutet das nicht, dass das Internet zum digitalen Musikantenstadl mutiert. “Die älteren Menschen sind mit den Stones und den Beatles aufgewachsen”, sagt die Medienforscherin (In der Tat: auf dem Madonna-Konzert vorgestern in München waren die Teenager und Twens in der Minderheit – Madonna selbst wurde gerade 51!).

Während die Zeitung durch das Internet Schiffbruch erleidet, bleiben Radio und Fernsehen von den Neuen Medien noch weitestgehend verschont, sagt Birgit van Eimeren. Doch sollten sich die Sender nicht zu sehr in Sicherheit wiegen. Zeitungsverleger und Musikindustrie dachten auch einmal, dass ihnen das Internet nichts anhaben könnte; eine der größten und teuersten Fehleinschätzungen der Mediengeschichte! Was passiert, wenn die Alten von Bord gehen und die heute Jungen das Ruder übernehmen? Werden die sich abends vor den Fernseher hauen und auf die Tagesschau warten?

Statt den Kopf in den Sand zu stecken und zu warten, bis die Welle über uns hereinbricht, sollten wir die Chancen ergreifen, die sich durch Social Media und New Journalism ergeben. Haben wir uns gestern erst (unter großen Schmerzen) an die Parole ‚Web-first!’ gewöhnt, heisst es heute: Tweet-first! Soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook explodieren (siehe blog-eintrag: free journalism), YouTube hat sich direkt nach Google zur weltweit größten Suchmaschine etabliert – YouTube!

Und es geht weiter: Micro-Blogging statt Blogs, Streams (bald: Waves), statt E-Mail. „Lebenslanges Lernen“ – bis vor kurzem hielt ich das noch für eine leere Phrase. Heute weiß ich: wir sind mitten drin! Auch Internet-Surfen will gelernt sein. Wenn wir, als Medienanbieter, nicht lernen, ganz oben auf der Online-Welle zu reiten, dann werden auch wir eines Tages untergehen.

Die Debatte um die Gratiskultur im Netz halte ich für Seemannsgarn. Die Frage, vor der sich Verleger und Programmchefs in Wirklichkeit fürchten, lautet: sind unsere Produkte gut genug, dass die Alten von morgen bereit wären, dafür auch zu zahlen? Anzeigenerlöse und GEZ-Gebühren haben bislang selbst die mittelmäßigsten Angebote mitgetragen, Probleme kaschiert. Doch diese Tage sind gezählt.

Ob Leanback oder Leanforward, ob Twitter oder Flutter; was auch immer die Zukunft bringt, eines steht fest: Medienforschern, wie Birgit van Eimeren wird die Arbeit nicht ausgehen. Und wir alle, ob jung oder alt, sind in diesem Augenblick bereits Forschungsobjekte der ARD/ZDF-Online-Studie 2010. Schiff ahoi!

Die ARD/ZDF-Online-Studie gibt es seit 1997 (ARD) und gilt bundesweit als die umfangreichste und bedeutendste Erhebungsreihe ihrer Art. Anders als bei vielen anderen Befragungen setzt sich die ARD/ZDF-Studie mit den Mechanismen der Online-Welt auseinander: Was sind die zentralen Anwendungen im Netz? Was macht diese Angebote so attraktiv? Für die aktuelle Studie wurden im Frühjahr dieses Jahres 1.806 Erwachsene in Deutschland befragt.


Flucht nach vorn

17. August 2009

Die Meldung erreichte mich heute morgen wie vermutlich viele von uns – per Twitter. Gunnar Bender hat Gütersloh verlassen und wirkt von nun an in Berlin: als Kommunikationsberater bei der FDP. Ich muss zugeben, mich hat dieser Schritt überrascht, für einen Augenblick sogar verunsichert. Der Schritt in die Politik ist für manche Medienmenschen nur ein kleiner, für andere kommt er gleich hinter den ersten Schritten nach der Mondlandung.

Dr. Gunnard Bender

Dr. Gunnar Bender

In seinem Blog erläutert Bender seine Beweggründe. Wenn man in der Welt etwas ändern möchte, schreibt er, müsse man bei sich selbst anfangen. Pathos? Rechtfertigung? Flucht?

Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, Gunnar Bender persönlich kennenzulernen. Seine Art, wie er er auf die Menschen zugeht, die Freude und die Energie, die er an den Tag legt, wenn es um die neue Medienwelt geht – wenn da einer flüchtet, so ist dies eine Flucht nach vorn! (wie das genau zu verstehen ist, das schildert der frischgebackene Spin-Dr. in seinem Blog – fundiert und auf den Punkt.)

Wer nichts tut, kann nichts verkehrt machen. In Zeiten des Wandels aber war Nichtstun stets die schlechteste aller Optionen. Bender hat das erkannt und ergreift die Gelegenheit beim Schopf. Andere werden folgen. Ob in der Politik, in der Unternehmenskommunikation oder im Journalismus: die Medienrevolution nimmt ihren Lauf. – Gunnar, wir sehen uns in der Zukunft – und weißt Du was? – Ich freu mich drauf!


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